Das zentrale Ereignis im Mai war der 1. Todestag von Hajo. Die Vorbereitungen zu diesem Tag, der mir sehr wichtig war, beschäftigten mich seit längerem. Ich bin nun sehr glücklich, dass wir an diesem Tag ein sehr schönes Programm zusammengestellt haben und dass ich Menschen in seinem Gedenken zusammenbringen konnte.

Den 1. Todestag von Hajo begingen wir mit einem Besuch an seinem Grab in Torrskog. Dort schlugen wir dreimal seine Klangschale an.
Danach hat sich der Beirat der Hajo-Seng-Academy konstituiert und seine erste Sitzung durchgeführt.
Im Anschluss wurde die Hajo-Seng-Academy eröffnet.
Nach dem Ende der Eröffnung haben sich der Besuchende und Nachbarn des Dalslands Studio zusammengesetzt und das Jahr, seit dem Hajo mit den Kranichen weitergezogen ist, Revue passieren lassen.
Eröffnung der Hajo-Seng-Academy
Die Veranstaltung markiert den ersten Todestag von Hajo Seng und die Eröffnung der ihm gewidmeten Akademie. Sie dient dazu, Hajos Erbe und seine Ideen, insbesondere im Bereich autistischer Denkstile und Selbstorganisation, weiterzutragen und zu entwickeln. Die dreistündige Veranstaltung, die aufgezeichnet wurde, beinhaltet eine Gedenkpause für Hajo um 16:39 Uhr (dem Zeitpunkt seines letzten Atemzugs), Vorträge über sein Leben und Werk, Einblicke in seine Fähigkeiten-Workshops sowie die Vorstellung des Beirats der Akademie.
Hier eine Zusammenfassung der Veranstaltung
1. Wer war Hajo Seng?
Andreas Hieronymus, Hajos langjähriger Lebensgefährte, stellte Hajos bewegtes Leben und seine Entwicklung vor:
Frühes Leben und Prägungen:
- Geboren in Singen am Hohentwiel, Abitur 1982. Seine Jugend war geprägt von der autonomen und Punk-Szene Freiburgs, die sein Interesse an Selbstorganisation weckte. Er lebte in zwei Welten: einer mystischen feenhaften Welt und der realen Welt.
Werdegang und Selbstfindung:
- Kennenlernen von Andreas 1986 in Freiburg.
- Zog nach Hamburg, arbeitete in der Behindertenhilfe.
- Studierte Mathematik, Geschichte der Naturwissenschaften undAstronomie (interessierte sich aber gleichzeitig für Astrologie und asiatische Philosophie) – eine frühe Manifestation seiner rationalen und spirituellen Denkstile.
- Mitte der 90er Jahre entdeckte er eine besondere Verbindung zu nonverbalen Autisten, was zu der Frage führte, ob er selbst autistisch sein könnte.
- Die Diagnose Autismus erhielt er während einer tiefen Depression, was einen wichtigen Wendepunkt in seinem Leben darstellte.
- Der Wechsel von der unstrukturierten IT-Branche zu einer stabilen Position in der Universitätsbibliothek Hamburg war für ihn ein Aufbruch in eine Welt der Selbstorganisation.
Wegbereiter der autistischen Selbstorganisation:
- Hajo gilt als Urgestein der autistischen Selbstorganisation und ein geschätzter Kollege.
- Er entwickelte ein Verständnis von Autismus, das weg von einem defizitorientierten Blick zu einem fähigkeiten- und potenzialorientierten Ansatz führt.
- Seine Promotion (2021) fasst seine Lebensabschnitte zusammen und entwickelte eine Innensicht auf Autismus, die diesen als Fähigkeit und nicht als Defizit versteht.
Die „geschenkte Zeit“ und sein Abschied:
- Zwischen 2013 und 2022 erfuhr Hajo zwei Krebsdiagnosen, die er als „geschenkte Zeit“ produktiv nutzte.
- Er verstarb im Mai 2025, Andreas sieht die Akademie als Fortsetzung seines Versprechens, Hajos Erbe weiterzutragen.
Hajos Philosophie:
- Autismus sollte über Wahrnehmung und Denken verstanden werden, nicht über Verhalten.
- Er sah Autismus oft als Übersetzungsproblem zwischen Gedanken und Sprache, sowie Spannung zwischen Wahrnehmung und Kommunikation.
- Das Zitat „Am Du zum Ich werden“ beschreibt seine Beziehungskonzeption.
- Sein Ansatz war „Bottom-up“ (von unten nach oben), peer-orientiert und konsequent ressourcen- und potenzialorientiert. Er akzeptierte Menschen so, wie sie waren.
- Die Hajo Seng Akademie soll diese Prinzipien (Bottom-up, Peer-Orientierung, Ressourcenorientierung) in die Zukunft tragen und weiterentwickeln.
2. Grußworte zur Akademiegründung
- Georg Teunissen (Hajos Doktorvater): Er übernahm die Schirmherrschaft. Er betonte Hajos Bedeutung als „Experte in eigener Sache“ und seine Arbeit, die der gängigen Defizitperspektive entgegenstand. Hajo habe autistischen Stimmen Gehör verschafft und die Vielschichtigkeit autistischer Wahrnehmungsmuster und Denkstile aufgezeigt. Die Akademie biete wertvolle Chancen für Wissen, Verständnis und Inklusion.
- Michael (Vorstand autSocial): Teilte eine persönliche Geschichte über seine Begegnung mit Hajo, der ihm half, sich als „Strukturdenker“ zu erkennen, obwohl Michael sich selbst als „Bilderdenker“ sah. Hajo war für ihn ein Mensch, der an Beziehungen und an reiner Neugier interessiert war, nicht an Leistung. Michael betonte die Inspiration, die er von Hajo erhielt, sich zu „demaskieren“ und seine Stimme für die Belange autistischer Menschen einzusetzen. Die Gründung der Akademie sei an Hajos Todestag etwas „Wertvolles und Wichtiges“.
3. Einblicke in Hajos Workshops und Autistische Denkstile (Imke & Thomas)
Die Diskussion fokussierte sich auf die von Hajo entwickelten „Workshops Autistische Fähigkeiten“ und die daraus gewonnenen Erkenntnisse.
- Ursprung der Workshops: Hajo konzipierte die Workshops frühzeitig als „Safe Space“ für autistische Menschen, um ihre eigenen Denkweisen, Fähigkeiten und Interessen zu erkunden. Dies war eine Reaktion auf die pathologisierende und abwertende Beschreibung autistischer Interessen als „repetitiv“ oder „bedeutungslos“. Die Workshops waren nicht an Hajos Person gebunden, sondern sollten weitergegeben werden.
- Evolution zu SIAM-Workshops: Eine formalisierte Version der Workshops wurde für junge erwachsene Autisten entwickelt (SIAM Workshops). Aktuell gibt es monatliche Online-Workshops zu verschiedenen Themen (Beziehungen, Arbeit, Freizeit, Spiritualität). Diese Workshops ermöglichen einen „Deep Talk“ und generieren partizipative Forschungsergebnisse.
Kernaussagen aus den Workshops (Cluster):
Wahrnehmung und innere Prozesse:
- Denken ist strukturiert, schriftlich, visuell und stark musterorientiert.
- Klarheit entsteht, wenn genügend „Puzzleteile“ vorhanden sind.
- Denken ist oft schnell, aber energieintensiv.
- Autistische Denkprozesse sind bewusster, anstrengender und erfordern mehr Zeit zur Filterung und Kohärenzbildung.
- Inkohärenz wird als belastend empfunden und erfordert viel Energie zur Verarbeitung.
- Es gibt verschiedene Denkmodi (visuell, Muster, auditiv, verbal), die im Idealfall harmonieren müssen, um Kreativität zu ermöglichen. Stress kann zu Disharmonie und Blockaden führen.
Sensorik und Umwelt:
- Geräusche, grelles Licht, Gerüche und soziale Dichte verursachen Denkblockaden.
- Unklare Regeln, zu schnelle/gebündelte Fragen, und allgemeine Kommunikationsüberlastung verschlechtern die Informationsverarbeitung.
- Entschleunigung hilft erheblich.
- Diskussion: Autisten werden als „Kanarienvögel im Bergbau“ der Gesellschaft gesehen, die als erste unter der Reizüberflutung leiden, aber auch Neurotypische profitieren von Entschleunigung und weniger Druck.
Spezialinteressen und Denkstile:
- Spezialinteressen erzeugen „Flow,“ tiefe Fokussierung und langanhaltende Motivation.
- Das Verstehen geht über reines Wissen hinaus; es entsteht eine Verschmelzung mit dem Thema.
- Wichtig für Selbstwahrnehmung, Kompetenzerleben und Sicherheit.
- Diskussion: Hajos Verdienst, Spezialinteressen als Stärke zu „reclaimen.“ Der Verlust des Zugangs zu Spezialinteressen kann eine „autistische Depression“ verursachen. Die Frage, ob Spezialinteressen zum Beruf werden sollten, ist individuell; Druck kann sie kontaminieren. Ein passender Rahmen ist oft wichtiger als die direkte Berufs-Interessen-Verbindung.
Kommunikation und Austausch:
- Komplexes Denken kollidiert oft mit Erwartungen an Kürze und Einfachheit.
- Das „Lesen zwischen den Zeilen“ und Beziehungsbotschaften werden als überfordernd wahrgenommen.
- Neurodivergenter Austausch wird oft als intuitiver und barriereärmer empfunden („Double Empathy Problem“).
- Diskussion: Die Herausforderung, multidimensionale Gedanken in sequentielle Sprache zu übersetzen, ist energieintensiv und wird unter Stress schwieriger. Die Fähigkeit zur präzisen und differenzierten Darstellung wird oft nicht wertgeschätzt. Miteinander statt übereinander reden, einander glauben und Verständnis für unterschiedliche Wahrnehmungen sind essenziell für gelungene Kommunikation.
Word Cloud:
- Eine visuelle Zusammenfassung der Schlüsselbegriffe aus dem Workshop, wobei größere und zentralere Worte häufiger genannt wurden (z.B. „Denken,“ „Struktur,“ „visuell,“ „klar,“ „intensiv,“ „Energie,“ „Zeit,“ „Autismus,“ „Kommunikation,“ „lustvoll“). Das Wort „lustvoll“ wurde als besonders treffend für das Gefühl des Flows beim Denken im richtigen Umfeld hervorgehoben.
4. Der Beirat der Hajo Seng Akademie
- Mitglieder: Simone, Nadine, Imke und Andreas bilden den Kern. Weitere Mitglieder werden noch angefragt.
- Zweck: Den Dalsland Studio und die Hajo Seng Akademie weiterentwickeln, unterstützen und die Prinzipien und Forschung Hajos (insbesondere zu Denkweisen) in einer Art Qualitätsmanagement gewährleisten.
- Zukünftige Pläne: Internationalisierung, strukturierte Kommunikation (z.B. über Mailinglisten für nicht-Zoom-fähige Mitglieder), frühzeitige Planung, nächstes Brainstorming im November.
5. Abschluss und Ausblick
Andreas dankte den Teilnehmenden für die vertraute und offene Diskussion. Er betonte die Bedeutung des Gedenktages und die Hoffnung, Hajos Erbe fortzuführen. Simone stellte die ZAKakademy vor, die in Schweden im Dalsland Studio „Workshop Camps“ zu autistischen Fähigkeiten anbieten wird – eine direkte Zusammenarbeit mit der Hajo Seng Akademie. Michael schlug trilogische Workshops vor, um auch externen Personen einen Einblick in die Arbeit der SIAM-Seminare zu ermöglichen. Die Beteiligten äußerten den Wunsch, weiterhin zusammenzuarbeiten und die erarbeiteten Inhalte in die breitere „Community“ zu tragen. Die Veranstaltung endete mit Dank an alle Anwesenden und der Möglichkeit, sich für Newsletter anzumelden, um weitere Informationen zu erhalten.
