Auf dem Wasser erscheint alles ein zweites Mal. Die Bäume stehen am Ufer und wachsen zugleich in die Tiefe. Manchmal lässt sich kaum entscheiden, wo die Landschaft aufhört und ihre Spiegelung beginnt. Dann kommt ein Windstoß, und die ganze Ordnung gerät in Bewegung.

In den Herbstnewslettern der letzten Jahre war die Natur immer mehr als eine schöne Kulisse: Sie begleitete die ersten Aufbaupläne des Dalslands Studios und Begegnungen dort, bot Raum für Ruhe und Trauer. Zuletzt habe ich vom Pilzesammeln erzählt und davon, wie unterschiedlich wir dieselbe Landschaft wahrnehmen: Wo ich Bäume und Farben sah, erkannten meine Begleiter_innen längst die Stellen, an denen Pilze wachsen könnten.

Jetzt, wenn die Blätter fallen, tritt auch wieder anderes hervor. Eine Wurzel greift über einen Stein. Ein abgebrochener Stamm bekommt Schultern. Zwischen zwei Felsen liegt plötzlich ein Gesicht. Ein moosbewachsener Rücken, eine Nase, ein Auge im Schatten.

Die Trolle sind wieder da.

Natürlich weiß ich, dass dort ein Stein liegt. Aber ich kann den Stein sehen und zugleich die Gestalt, die sich darin abzeichnet. Ein paar Schritte weiter verschwindet sie. Schaue ich zurück, ist sie wieder da.

Die Trolle der skandinavischen Überlieferungen haben viele Gestalten: mächtige Bergwesen, Waldbewohner, unheimliche Nachbarn außerhalb der menschlichen Gemeinschaft. In manchen Geschichten erstarren sie im Sonnenlicht zu Stein. Ein sonderbarer Felsen kann so zum zurückgebliebenen Körper einer Geschichte werden. Was wir am Tag für Landschaft halten, war womöglich in der Nacht noch unterwegs.

Auch im Kino begegnen sie uns. In Ali Abbasis „Border“ („Gräns“, 2018) arbeitet die Trollfrau Tina als Zollbeamtin. Sie kann Angst, Scham und Schuld riechen und dadurch Verborgenes aufspüren. Der Film verschiebt den vertrauten Blick: Die vermeintlich Fremde nimmt wahr, was anderen entgeht. Und hinter der Frage, wer hier Mensch und wer Troll ist, steht die viel unbequemere Frage, woran wir Menschlichkeit eigentlich erkennen.

Von dort führt für mich ein Gedanke zurück in den Wald: Vielleicht ist das, was ich sehe, noch längst nicht alles, was sich wahrnehmen lässt. Beim Pilzesammeln braucht es Erfahrung, bei den Trollen etwas Fantasie – und für beides die Bereitschaft, genauer hinzuschauen.

Die Landschaft bleibt vertraut und zeigt doch jedes Jahr etwas anderes. Erinnerungen gehen mit, neue Begegnungen kommen hinzu. Auf dem Wasser sammeln sich die Farben des Ufers, bis der Wind sie auseinanderzieht.

Und zwischen den Steinen sitzen die Trolle und tun so, als wären sie schon immer nur Steine gewesen.