Als ich auf den Friedhof der Torrskogs Kirche kam, brannten an vielen Gräbern Kerzen. Jonas, den Friedhofsgärtner, sah ich im schwarzen Anzug. Ich fragte ihn, was heute los sei. Er erzählte mir, dass Alla helgons dag war.
Wörtlich heißt das Allerheiligen. In Schweden fällt dieser Feiertag auf den Samstag zwischen dem 31. Oktober und dem 6. November – in diesem Jahr auf den 31. Oktober. Gemeinsam mit dem darauffolgenden Sonntag, Alla själars dag, dem Allerseelentag, bildet er ein Wochenende des Gedenkens. Viele Menschen besuchen die Gräber ihrer Angehörigen, bringen Blumen und entzünden Kerzen.

Kirchlich stehen am Samstag die Heiligen und am Sonntag die verstorbenen Angehörigen im Mittelpunkt. In der gelebten Tradition geht beides ineinander über. Wer aus Deutschland kommt, findet darin Vertrautes von Allerheiligen, Allerseelen und dem evangelischen Totensonntag wieder. In vielen Gemeinden gehören minnesgudstjänster, Erinnerungsgottesdienste, zu diesem Wochenende.
Ich hatte die letzten Blumen aus unserem Garten mitgebracht und stellte sie an Hajos Grab. Wie bei jedem Besuch entzündete ich eine Grabkerze. Bis zum Gottesdienst blieb noch Zeit. Ich setzte mich in den VW-Bus und schrieb an Hajos Buch weiter.
Inzwischen kam der Chor zu seiner letzten Probe. Nach und nach füllte sich der Friedhof. Besucher_innen gingen zuerst zu den Gräbern ihrer Angehörigen, entzündeten Kerzen und betraten anschließend die Kirche. Aus den einzelnen Besuchen wurde langsam eine gemeinsame Zusammenkunft.

Um 17 Uhr, als es gerade dunkel wurde, begann der Gottesdienst mit Chorgesang. Die Lieder erzählten von Abschied und Geborgenheit, vom Weitergehen und von der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Ihre Texte stammen aus sehr unterschiedlichen Jahrhunderten.
„De skall gå till den heliga staden“ bedeutet „Sie werden in die heilige Stadt gehen“. Britt G. Hallqvist schrieb den Text 1976, Egil Hovland die Melodie im selben Jahr; eine vierte Strophe ergänzte Oscar Ahlén 1984. Das Lied greift das biblische Bild des himmlischen Jerusalem auf. Es erzählt von Menschen, die zusammenkommen, sich an die grüne Erde erinnern und den Verlorenen wiederbegegnen. Die Hoffnung auf ein anderes Leben bleibt darin mit der Erinnerung an dieses Leben verbunden.
„I himmelen, i himmelen“ – „Im Himmel, im Himmel“ – reicht bis ins Jahr 1622 zurück. Der Text stammt von Laurentius Laurinus und wurde 1816 von Johan Åström bearbeitet. Er beschreibt den Himmel als einen Ort des Lichts, an dem Schmerz und Tränen aufgehoben sind. Es ist eine alte christliche Trostvorstellung: dass das Leid nicht das Letzte bleibt.

Viel jünger ist „Herre, till dig får jag komma“: „Herr, zu dir darf ich kommen“. Christer Hultgren schrieb Text und Musik 1973. Die Anfangszeilen lassen sich übersetzen mit: „Herr, zu dir darf ich kommen, genau so, wie ich bin.“ Die weiteren Strophen sprechen davon, Belastendes abgeben zu dürfen und auch am Lebensende angenommen zu sein.
„Bliv kvar hos mig“ heißt „Bleib bei mir“. Dahinter steht das englische „Abide with Me“, das Henry Francis Lyte 1847 schrieb. Die bekannte Melodie von William Henry Monk entstand 1861, die schwedische Übersetzung von Oscar Mannström 1920. Der anbrechende Abend wird darin zum Bild für das Lebensende. Im Mittelpunkt steht eine schlichte Bitte: Bleib bei mir, wenn es dunkel wird und anderes keinen Halt mehr gibt.
Und dann „Härlig är jorden“ – „Herrlich ist die Erde“. Dieses Lied singen wir auch in meinem Chor Song of Joy. Bernhard Severin Ingemann schrieb den dänischen Ursprungstext 1850; Cecilia Bååth-Holmberg übersetzte ihn 1884 ins Schwedische. Die Melodie ist auch mit dem deutschen Lied „Schönster Herr Jesu“ verbunden. Der Text beschreibt das Leben als Pilgerweg: Zeiten und Generationen vergehen, aber der Gesang setzt sich fort. In Schweden wird das Lied sowohl zu Weihnachten als auch bei Beerdigungen gesungen – es verbindet die Freude über das Leben mit dem Trost im Abschied.

Der Chor trug mit diesen und weiteren Liedern viel zur besonderen Atmosphäre bei. Draußen leuchteten die Kerzen an den Gräbern, drinnen kamen Menschen zusammen, die jemanden vermissen. Ich war an diesem Tag zu Hajo gefahren, wie ich es oft tue. Nun saß ich mit anderen in der Kirche, die ihre eigenen Erinnerungen mitgebracht hatten. Auch hier wird eines Tages eine Kerze für mich entzündet, wenn ich neben Hajo ruhen werde. Welche ein beruhigender Gedanke.

Hier habe ich euch ein paar Aufnahmen zusammengestellt, damit ihr einen Eindruck von der Stimmung dieses Abends bekommt.
