Sichtbar werden

Auch in diesem Sommer gab es wieder ein intensives Seminar bei uns im Dalslands Studio: Hellwach – die weiterentwickelte Version dessen, was im letzten Jahr als „Inbetween“ begann. Eine wunderbare Woche mit wunderbaren Menschen, die im engen persönlichen Kontakt neue Wege für sich erkundet haben.
Im Zentrum stand, wie schon bei Inbetween, intensives individuelles Coaching in kleinem Kreis – unter anderem begleitet von Harald Karrer, der als systemischer Coach und Visual Communicator aus Wien anreiste. Sein Ansatz beruht auf einer für ihn fast schon lebensverändernden Erkenntnis: Zeichnen, so wie er es versteht, hat weniger mit Kunstunterricht zu tun als mit Lesen, Schreiben und Sprechen – einer uralten menschlichen Kulturtechnik, die im Alltag fast vollständig in Vergessenheit geraten ist. Statt Gedanken erst im Nachhinein zu dokumentieren, macht Harald Denkprozesse live sichtbar, während sie entstehen: Er strukturiert Gespräche in Echtzeit, übersetzt Gesagtes in einfache visuelle Modelle und macht so Unterschiede, Muster und Zusammenhänge greifbar, die in reiner Sprache oft unklar bleiben. Bewusst verzichtet er dabei auf vorgefertigte Formate oder Standardmethoden – gearbeitet wird immer mit dem, was im jeweiligen Moment tatsächlich gebraucht wird. So entsteht Schritt für Schritt ein gemeinsames Bild, an dem weitergedacht werden kann, und aus einem Coaching-Gespräch wird sichtbare, gemeinsame Arbeit an neuen Perspektiven.
Das passte auf besondere Weise zu unserem Ausflug zu den Felsritzungen in Tisselskog – Dalslands größter und eindrucksvollster prähistorischer Fundstätte. Auf rund 50 Felsplatten am Ufer des Sees Råvarpen finden sich über 2.000 Bronzezeit-Ritzungen, die vor etwa 2.500 bis 3.000 Jahren entstanden sind: Boote, Menschen, Sonnenkreuze, Fußabdrücke und rätselhafte Schlangenwindungen. Menschen, die keine Schrift kannten, haben hier über Jahrhunderte hinweg in Bildern erzählt, was ihnen wichtig war – dieselbe Idee, die Harald in seiner Arbeit wieder aufgreift: dass Bilder oft mehr sichtbar machen können als Worte allein.
Dazu kamen Teezeremonien – einmal am See, in aller Stille, mit Blick auf das Wasser –, sowie Coaching-Einheiten mitten im Naturreservat, wo der Wald selbst zum Gesprächspartner wurde. All das zusammen hat uns, im wahrsten Sinne des Namens, hellwach werden lassen.
Wie tief so eine Woche gehen kann, zeigt ein Haiku, das während des Seminars geschrieben wurde:
Die Trauer lässt dich tiefer sehen
verbindet dich noch mehr mit Liebe
und führt am Ende doch –nur näher dich zu deinem Selbst.*

