
Es gibt Arten des Verschwindens, die wochenlang niemandem auffallen – bis plötzlich eine Lücke da ist, wo sonst etwas Vertrautes stand. Genau das ist in diesem Frühsommer in Bengtsfors passiert: Die kleine Springbrunnenfigur, die seit Generationen den Namensgeber des Orts darstellt, ist von ihrem angestammten Platz verschwunden – man nennt ihn „Bengt“.
Wer war Bengt eigentlich?
Das weiß niemand so genau. Der Ortsname Bengtsfors geht auf „Bengtsbron“, eine 1773 belegte Brücke über den Wasserlauf zwischen dem See Lelång und dem Bengtsbrohöljen, sowie auf „Bengtström(men)“, einen bereits 1717 dokumentierten älteren Namen für dieses Gewässer, zurück – benannt nach einem Mann namens Bengt.
Wer dieser Bengt konkret war, gilt in der schwedischen Namensforschung bis heute als ungeklärt: „Vem denne Bengt var är fortfarande ett mysterium“, schreibt das Blog Kulturbilder. Bengt hat also einem ganzen Ort seinen Namen gegeben – der Fors, der Brücke, der Bruksort mit Kanal- und Poststation, die 1895 an die Eisenbahn angeschlossen wurde – und ist selbst zur Fußnote der eigenen Geschichte geworden. Eine Figur also, deren Wesen von Anfang an aus einer Leerstelle bestand. Dass ausgerechnet sie nun verschwindet, passt fast zu gut zu ihrer eigenen Legende.
Wiedergefunden – in einer Schmiede in Dingelvik
Wir vom Dalslands Studio, zusammen mit einigen unserer Gäste, sind Bengt schließlich wieder begegnet – bei Simon Westling. Simon ist Metallkünstler und Schmied in zweiter Generation; 2024 hat er gemeinsam mit seiner Frau Karolina Hägg die Schmiede seines Vaters in Dingelvik bei Dals Långed übernommen, nachdem beide an der Stenebyskolan und in Stockholm Metallhandwerk studiert hatten und Simon zeitweise als Silberschmied bei der Königlichen Hofverwaltung gearbeitet hat. In ihrer Werkstatt entstehen Skulpturen und öffentliche Kunst ebenso wie Eheringe – Simon zählt zu den Metallkünstler:innen, die bei Nutida Svenskt Silver porträtiert werden.
Für uns ist die Begegnung mit dieser Schmiede kein Zufall: Simon ist derselbe Handwerker, der zusammen mit Jonas die wunderschöne Brandschutztreppe für das Dalslands Studio gebaut hat – jene Treppe, an der die Kraniche aufsteigen, die unseren Innenhof seit diesem Sommer prägen. Dass Bengt nun ausgerechnet in dieser Werkstatt wieder auftaucht, fühlt sich an wie eine Fortsetzung derselben Geschichte: Handwerk, das Dinge zum Fliegen oder eben zum Fließen bringt.
Restaurierung statt Rückkehr – noch
Bengt selbst wird gerade sorgfältig instand gesetzt, und auch die Technik hinter ihm bekommt eine Auffrischung: Die Röhren, durch die einst das Wasser gepumpt wurde, damit er als Brunnenfigur überhaupt sprudeln konnte, werden restauriert und teilweise erneuert. Wenn er zurückkehrt, wird er also nicht nur wieder an seinem Platz stehen, sondern – hoffentlich – auch wieder Wasser spucken.
Vielleicht ist das die eigentliche Moral dieser kleinen Bengtsfors-Geschichte: Wer jemand war, muss nicht restlos geklärt sein, damit sein Werk wieder in Bewegung kommen und erinnert wird.
