Dalslands Studio Blog

Göteborg – Vienna – Canyelles – Göteborg

Unterwegs nach Wien – Spatzen, Flughäfen und ein Junggesellenabschied

Am 15. Oktober ging es mal wieder los. Meine Reise sollte mich von Göteborg über Wien nach Canyelles bei Barcelona und schließlich wieder zurück nach Hause führen. Das Auto ließ ich auf dem größeren Parkplatz an der Schwimmhalle Rådahallen in Mellerud stehen. Von dort ging es mit dem Zug nach Göteborg.

Dort blieb bei sonnigem Wetter noch Zeit für eine Fika im Park. Allerdings war ich mit meinem Kuchen nicht lange allein. Eine neugierige Spatzentruppe hatte die Krümel entdeckt. Einige waren erstaunlich mutig und trauten sich bis dicht an den Teller, andere hielten lieber Abstand und beobachteten erst einmal, was die Vorwitzigen erreichten. Es entstand ein schönes kleines Spiel zwischen uns. Dabei fühlte ich mich Hajo sehr nah. Fast war es, als wollte er mich ein wenig necken.

Mit dem Flygbuss ging es anschließend zum Flughafen Landvetter. Obwohl ich in meinem Leben viel geflogen bin, empfinde ich das inzwischen als anstrengend. Man ist ständig unterwegs und wartet doch die meiste Zeit. Kaum hat man sich irgendwo niedergelassen, muss man wieder aufstehen, weitergehen oder sich anstellen. Konzentriert arbeiten oder ungestört lesen gelingt mir dabei selten.

Im Zug ist das für mich anders. Wenn ich einen Sitzplatz gefunden habe, kann ich bleiben, wo ich bin. Selbst bei einer Verspätung lässt sich lesen, schreiben, aus dem Fenster schauen oder einfach dösen. Beim Fliegen dagegen bleibt meine Aufmerksamkeit ständig auf Abruf.

Also hinein in diese käufliche Welt, in der selbst der Weg zum Abflug durch Verkaufsflächen führt. Wie immer musste ich zunächst durch die für mich unerträglichen Parfümdüfte hindurch, bevor ich mich der nächsten Herausforderung stellte: einem ausgebuchten Flug.

Mit unbekanntem Ziel

Ich landete neben zwei sehr freundlichen und ausgesprochen mitteilungsbedürftigen jungen Männern. Sie boten mir im Laufe des Fluges immer wieder alkoholische Getränke an, die ich jedes Mal höflich ablehnte. Dafür erfuhr ich nach und nach die Geschichte ihrer Reise.

Die beiden gehörten zu einer ganzen Freundesgruppe, die einen Junggesellenabschied feierte. Sie stammen aus Serbien, wohnen in Schweden und arbeiten in Oslo. Den zukünftigen Bräutigam hatten sie direkt von der Arbeit entführt. Er glaubte, dass es nach Wien ging, wo sie Familie haben. Erst später bekam ich mit, dass Wien nur eine Zwischenstation war: Die eigentliche Reise führte weiter nach Belgrad zu einem Eishockeyspiel. Offenbar waren sie alle begeisterte Eishockeyfans.

Der Alkohol floss reichlich. Als wir in Wien landeten, waren die Getränke noch immer nicht ausgetrunken und die Feier längst nicht beendet. Für mich war es eine überraschende Begegnung. Meist sitzt man im Flugzeug schweigend nebeneinander und weiß auch nach der Landung kaum etwas von den Menschen, mit denen man gerade mehrere Stunden auf engstem Raum, in einer Luftröhre die mit 800 km/h in 10.000m Höhe durch die Luft schießt, verbracht hat. Diesmal hatte ich unverhofft einen kleinen Einblick in ein Freundschaftsnetz zwischen Serbien, Schweden und Norwegen bekommen.

Nach der Landung folgte wieder das vertraute Warten: auf den Transferbus zum Terminal, dann weiter zum Ausgang. Beim Zoll die Wahl zwischen Rot und Grün – natürlich Grün.

Am Ausgang begrüßte mich Harald, den ihr bereits von unseren Seminaren „Inbetween“ und „Hellwach“ kennt. Er hatte mich als Absolventen seines Lehrgangs „Visual Communication“ zum „Visual Communicator Day“ eingeladen. Nach all dem Unterwegssein freute ich mich, ihn zu sehen und erst einmal angekommen zu sein.

Wien – Wiedersehen und Erinnerungen

Wien ist für mich eine besondere und wunderbare Stadt. Das liegt vor allem an den Menschen, die ich dort kenne. Harald ist ein herzlicher Gastgeber, und mit ihm entdecke ich Orte, die ich allein wohl nie kennenlernen würde: die Weinberge, die Heurigen und immer wieder gutes Essen. Manches davon erinnert mich an meine Großmutter und ihre böhmische Küche.

Auch im Wienerischen höre ich etwas Vertrautes. Der Klang und manche Wendungen holen Erinnerungen an meine Großeltern hervor, die aus dem Sudetenland stammten. Dann höre ich meinen Großvater wieder sagen: „Zuerst war ich Österreicher, dann wurde ich Pole, dann Tscheche, dann Deutscher, und dann bin ich aus dem Land geflogen.“

In diesem Satz steckt ein ganzes Leben unter wechselnden staatlichen Zugehörigkeiten. Die deutschsprachigen Siedlungsgebiete in Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien, die später unter dem Begriff Sudetenland zusammengefasst wurden, gehörten bis 1918 zur Habsburgermonarchie. Nach deren Zerfall wurden Grenzen neu gezogen. Besonders im Teschener Schlesien stritten Polen und die Tschechoslowakei um die Zugehörigkeit der Orte. 1938 annektierte NS-Deutschland die sudetendeutschen Gebiete; nach Krieg und nationalsozialistischer Besatzung folgte 1945/46 die Vertreibung eines großen Teils der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei. Sein Satz ist mir als Erinnerung daran geblieben, wie sehr politische Grenzen über ein Leben bestimmen können.

Vielleicht ist Wien für mich auch deshalb nicht einfach eine Stadt, die ich besuche. In der Sprache und im Essen begegnet mir etwas aus meiner eigenen Familiengeschichte.

Danke, Harald, und danke auch an Brigitte, seine wunderbare Frau, für diese schöne Zeit und eure Gastfreundschaft.

Freundschaften, die bleiben

Zu Wien gehört für mich auch meine ehemalige Kollegin İnci Dirim. Wir haben in den Anfangsjahren meiner wissenschaftlichen Arbeit zusammen geforscht und gearbeitet. Daraus ist über die Jahre eine schöne Freundschaft geworden.

İnci ist seit 2010 Professorin für Deutsch als Zweitsprache an der Universität Wien. Sie beschäftigt sich mit Mehrsprachigkeit, Bildung und der Frage, wie Sprache Zugehörigkeit ermöglicht, aber auch zum Mittel der Ausgrenzung wird. Ihre Arbeit verbindet Sprachdidaktik mit migrationspädagogischen und diskriminierungskritischen Perspektiven.

Außerdem besuchte ich Esther Schramm. Sie arbeitet als Coachin, Mediatorin und Kommunikationsexpertin, unter anderem mit autistischen und anderen neurodivergenten Menschen. An der Polyvagal-Akademie gestaltet sie Kurse zu Autismus, Stress und traumainformierter Achtsamkeit. Auch mit autSocial und der gemeinsamen Arbeit mit Hajo ist sie seit Langem verbunden.

Wir hatten uns lange nicht gesehen und sprachen viel über unsere Erfahrungen, über Hajo und seinen Tod. Esther erzählte, wie viel er ihr bedeutet hat und wie schwer sie noch immer fassen kann, dass er nicht mehr da ist. Für mich war es wichtig, mit jemandem zu sprechen, der ihn kannte und eigene Erinnerungen an ihn mitbringt.

Wieder sichtbar machen

Auch der Visual Communicator Day war ein Wiedersehen mit lieben Menschen aus meiner Ausbildung – und eine Gelegenheit, neue kennenzulernen. Es ist inspirierend, mit Menschen zusammenzukommen, für die Visualisierung ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens und ihrer Arbeit ist.

Das Treffen erinnerte mich daran, was ich selbst eigentlich machen möchte. Mein Fokus liegt tatsächlich auf der Visualisierung: Gedanken nicht nur in Worte zu fassen, sondern ihnen eine sichtbare Form zu geben, Zusammenhänge zu entdecken und gemeinsam an einem Bild weiterzuarbeiten.

Davon habe ich euch schon im Zusammenhang mit „Inbetween“ und zuletzt mit „Hellwach“ erzählt. Harald macht in seiner Arbeit Denkprozesse während des Gesprächs sichtbar. Aus einfachen Zeichnungen entstehen gemeinsame Bilder, an denen Unterschiede, Muster und neue Möglichkeiten erkennbar werden. Im Sommer führte uns dieser Gedanke sogar zu den Felsritzungen von Tisselskog: zu Bildern, mit denen Menschen lange vor unserer Zeit festhielten, was ihnen wichtig war.

In Wien bekam dieser eigene Wunsch wieder mehr Kontur. Zwischen Bauen, Organisieren und all den alltäglichen Aufgaben gerät er manchmal in den Hintergrund. Hier war er wieder ganz gegenwärtig für mich.

Leider ging das lange, sonnige Herbstwochenende viel zu schnell vorbei. Schon musste ich wieder zum Flughafen und weiter nach Barcelona.

Diesmal hatte der Flug zwei Stunden Verspätung. Allerdings wurden sie nicht auf einmal angekündigt, sondern häppchenweise. Gerade genug, um weiter zu warten, aber nie genug, um sich auf etwas anderes einzulassen. So blieb ich ständig auf dem Sprung und konnte nichts richtig anfangen.

Irgendwann kam das Flugzeug dann doch, und ich konnte einsteigen. Auch dieser Flug war voll. Eine bemerkenswerte Begegnung gab es diesmal nicht. Nach den vielen Gesprächen und Wiedersehen in Wien ging die Reise nun etwas stiller weiter.

Ein anderer Herbst – eine Woche in Canyelles

Der Anflug auf Barcelona am 19. Oktober war ausgesprochen holprig. Mich überfiel eine leichte Übelkeit, wie ich sie beim Fliegen selten erlebt habe. Tatsächlich gab es an diesem Abend Unwetterwarnungen für die Küstenregion von Barcelona: Der spanische Wetterdienst warnte vor kräftigen Regenfällen und Gewittern, die von Hagel und starken Windböen begleitet sein konnten. Ob genau das unseren Anflug so unruhig machte, weiß ich nicht. Ich war jedenfalls froh, als wir sicher am Boden waren.

Im Terminal 1 arbeitete ich mich zur Abfahrt der Busse vor. Meine Freundin Nora hatte mir geraten, direkt vom Flughafen den Bus nach Vilanova i la Geltrú zu nehmen. Die Zugverbindungen seien zurzeit zu unzuverlässig.

Den ersten Bus musste ich allerdings ohne mich abfahren lassen. Wie aus Schweden gewohnt, hatte ich selbstverständlich mit Kartenzahlung gerechnet. Doch hier brauchte ich Bargeld. Also wieder zurück ins Flughafengebäude, einen Geldautomaten suchen, mich durch dessen Benutzerführung arbeiten und Geld abheben. Eine Stunde später als gedacht kam ich schließlich in Vilanova an, wo Nora mich am Bahnhof abholte.

Es war schön, diese langjährige Freundin endlich wieder persönlich zu sehen. Sie hatte gerade ihren letzten Chemotherapiezyklus hinter sich, und ich hatte ihr versprochen, sie danach etwas zu unterstützen.

Ankommen und mithelfen

Für eine Woche durfte ich in ihrem wunderbaren Haus mit Garten in Canyelles wohnen. Ich kochte, arbeitete im Garten, ging einkaufen und übernahm Dinge, bei denen sie Unterstützung brauchte. Mit jedem Tag kam etwas mehr Energie zurück, und neben den alltäglichen Aufgaben blieb Zeit für gemeinsame Unternehmungen.

Canyelles liegt im hügeligen Hinterland der Garraf-Küste, zwischen Vilanova i la Geltrú und Vilafranca del Penedès. Von dort ist es nicht weit ans Meer, und doch ist die Umgebung eine andere: Hügel, Waldstücke, Weinbau und die Wege zwischen den Orten prägen die Landschaft. Schon eine Beschreibung aus dem 19. Jahrhundert nennt Wein, Getreide, Gemüse und Hülsenfrüchte als Erzeugnisse des Ortes.

Über dem alten Ortskern stehen die Burg und die Kirche Santa Magdalena. Die erhaltene Burganlage stammt aus dem 13. bis 15. Jahrhundert, die Kirche aus dem 16. und 17. Jahrhundert. In diesem kleinen Ort liegen damit viele Jahrhunderte dicht beieinander.

Die Schnitter vor dem Rathaus


Vor dem Rathaus von Canyelles steht die Skulptur „Els Segadors“ von Emili Trías aus dem Jahr 1990. Zwei Männer stehen eng nebeneinander, einer hält eine Sichel in die Höhe; im Stein dahinter sind weitere Figuren und Getreideähren angedeutet. Das Motiv verbindet die bäuerliche Arbeit mit der politischen Geschichte Kataloniens. „Els Segadors“ heißt auch die katalanische Nationalhymne. Sie erinnert an den Aufstand von 1640, als sich in einer Zeit großer Belastungen durch Krieg und die Einquartierung königlicher Truppen Unruhen entzündeten. Am 7. Juni eskalierten sie in Barcelona zum sogenannten „Blutfronleichnam“ – dem Beginn des Schnitterkrieges. Der heutige Liedtext stammt von 1899, offiziell als Nationalhymne anerkannt wurde das Lied 1993. So begegnet einem vor dem Rathaus nicht nur eine Erinnerung an die Landwirtschaft, sondern auch ein wichtiges Bild katalanischer Identität und Selbstbehauptung.

Zwischen Meer, Markt und Garten

Wir machten Ausflüge nach Sitges, wanderten in der Umgebung von Canyelles, gingen Kaffee trinken und besuchten den Markt in Vilafranca del Penedès. Dort kauften wir für die nächsten gemeinsamen Mahlzeiten ein.

Sitges hat neben dem Meer und seiner schönen Lage auch eine besondere queere Geschichte. Die etwas außerhalb gelegene, nur zu Fuß erreichbare Platja de l’Home Mort gilt laut der örtlichen Tourismusorganisation als einer der ersten Strände weltweit, die bereits um 1930 als schwulenfreundlich bekannt wurden. Die abgelegene Bucht steht damit auch für eine lange Geschichte der Suche nach Freiräumen.

Nach dem Regen zeigte sich die Umgebung von Canyelles frisch und blühend. Zitronen und Orangen reiften, die Olivenernte begann, und am Meer gingen noch Menschen baden. Was für ein anderer Herbst als in Dalsland!

Nach dem ungemütlichen Ankunftstag wurde es wieder sonnig und mild. Die Tageshöchstwerte vom 20. bis 27. Oktober lagen zwischen knapp 20 und gut 23 Grad, nachts kühlte es auf etwa 11 bis 14 Grad ab.

Es tat gut, draußen zu sein, etwas mit den Händen zu tun und gemeinsam zu essen. Die Woche hatte einen ganz anderen Rhythmus als die Reise dorthin. Nicht ständig weiter zum nächsten Anschluss, sondern erst einmal bleiben und schauen, was an diesem Tag gebraucht wurde.

Wieder nach Hause

Am 26. Oktober war diese schöne Zeit leider schon vorbei. Diesmal verlief der Flug nach Göteborg ganz unspektakulär: keine Verspätung, keine Schwierigkeiten und auch keine besondere Begegnung.

Mit dem Flygbuss ging es nach Göteborg Central und von dort mit dem Zug nach Mellerud. Mein Auto wartete noch auf dem Parkplatz bei den Rådahallen. Dann das letzte Stück nach Hause.

So schön die Reise und die Wiedersehen gewesen waren: Ich war doch froh, wieder in meinem kleinen Paradies anzukommen. Nach Flughäfen, Städten und vielen Gesprächen genoss ich die Ruhe, die ich hier so schätze.