Dalslands Studio Blog

Mellerud Pride 2026 – ein persönlicher Rückblick

Ich war seit Langem nicht mehr auf einem Pride-March. Nicht, weil Pride für mich weniger wichtig geworden wäre – im Gegenteil. Aber im Alltag, in der Arbeit, in der Trauer und in den vielen kleinen Verpflichtungen eines Lebens verliert man manchmal den unmittelbaren Kontakt zu jenen Orten, an denen politische Geschichte, persönliche Erinnerung und gemeinschaftliche Freude zusammenkommen.

Am Mellerud Pride 2026 war ich mit meinen Gästen dabei. Und plötzlich war da dieses Gefühl und die Erinnerungen an die ersten Pride-Demonstrationen an denen ich und Hajo vor knapp 40 Jahren teilnahmen.

Menschen auf den Straßen, Regenbogenfarben, Stimmen, Musik, Gespräche, bekannte Gesichter und neue Begegnungen. Für einen Nachmittag wurde sichtbar, was im ländlichen Alltag oft zu wenig Raum bekommt: dass queere Menschen da sind, dass wir Teil dieser Region sind und dass Gemeinschaft nicht nur in den großen Städten entsteht.

Erinnerungen an frühere Märsche

Der Pride-March in Mellerud hat mich an frühere Jahre erinnert. 1986 begann meine Beziehung mit Hajo. Damals waren die Demonstrationen in Freiburg oder Hamburg noch deutlich kleiner. Sie wirkten verletzlicher, oft auch kämpferischer. Queere Sichtbarkeit (damals hieß das noch Schwul und Lesbisch, das Wort Queer war noch nicht erfunden) war nicht selbstverständlich; sie hatte etwas von einem Wagnis.

Natürlich gab es Freude, Musik, Begegnungen und Humor. Aber es gab ebenso das Bewusstsein, dass wir für etwas auf die Straße gingen, das vielen Menschen noch abgesprochen wurde: das Recht, offen zu lieben, sichtbar zu leben und nicht als Ausnahme oder Problem behandelt zu werden. Damals kämpfte man gegen den §175, der Homosexualität unter Strafe stellte. Wir waren damals noch Kriminelle! Gleichzeitig kämpften wir auch gegen die neue Stigmatisierung durch AIDS, welches am Anfang unseres Coming-Out stand.

Diese Erinnerungen war in Mellerud plötzlich wieder sehr nah. Die Formen haben sich verändert, die Regenbogenflaggen sind heute bekannter, und vieles, was damals kaum vorstellbar schien, ist inzwischen Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Aber die grundlegende Frage bleibt: Können Menschen frei und sicher leben, ohne sich erklären, verstecken oder verteidigen zu müssen?

Liebe, Kampf, Solidarität

Die Parolen des Mellerud Pride machten klar, dass Pride nicht nur ein Fest ist. Sie verbanden Freude und politische Haltung. Dass diese Parolen gemeinsam gerufen wurden, war wichtig. Sie machten aus vielen einzelnen Menschen eine hörbare Öffentlichkeit. Pride bedeutet nicht, dass alle dieselben Erfahrungen machen oder auf dieselbe Weise leben. Pride bedeutet, dass niemand mit der eigenen Geschichte, der eigenen Identität oder der eigenen Liebe allein gelassen werden soll.

Auch antirassistische Slogan brachte die politische Seite der Veranstaltung deutlich zum Ausdruck. Dies wurde von den Teilnehmenden gerade jetzt so kurz vor den Wahlen, wo die Moderaten (liberale Konservative) die Schwedendemokraten (schwedische Rechtspopulisten) in die Regierung holen wollen, nachdem sie die letzten vier Jahre von ihnen toleriert wurde. Queere Befreiung lässt sich nicht von Kämpfen gegen Rassismus, Faschismus, Krieg und gesellschaftliche Ausgrenzung trennen.

„Wir gehen für jene, die nicht gehen können“

Für mich war Mellerud Pride zugleich ein Tag, an dem ich viel an Hajo denken musste.

Hajo und ich haben vierzig Jahre miteinander geteilt. Seine Abwesenheit begleitet mich in vielen Momenten – besonders dann, wenn die Gegenwart an eine gemeinsame Vergangenheit rührt. Ein Pride-March gehört dazu. Ich hätte ihn so gern neben mir gehabt: mitten unter den Menschen, bei den Farben, den Gesprächen und dem Lärm, vielleicht mit einem kritischen Kommentar, vielleicht einfach still beobachtend.

Die Parole „Wir gehen für jene, die nicht gehen können“ hat deshalb für mich eine besondere Bedeutung. Sie verweist auf Menschen, die heute aus unterschiedlichen Gründen nicht sichtbar sein können: weil sie Angst haben, weil sie zum Schweigen gebracht werden, weil sie krank sind, weil sie in Abhängigkeit leben oder weil sie nicht mehr unter uns sind.

Auch die Toten müssen ihren Platz im Pride haben. Nicht außerhalb des Festes, nicht nur in einem stillen Moment am Rand, sondern mitten in unserer Erinnerung. Pride trägt die Geschichten jener weiter, die vor uns demonstriert haben, die Räume geschaffen, Liebe gelebt und gegen Ausgrenzung gekämpft haben. Diejenigen, die fehlen, gehen in gewisser Weise mit uns.

Ein Pride für Dalsland

Mellerud Pride hat gezeigt, dass eine solche Veranstaltung gerade in einer kleineren Kommune wichtig ist. Ein offenes Dalsland entsteht nicht allein dadurch, dass einmal im Jahr eine Flagge gehisst wird – so wichtig dieses Zeichen auch ist. Es entsteht im Alltag: in Schulen, im Gesundheitswesen, am Arbeitsplatz, in Kulturvereinen, in Gesprächen mit Nachbar*innen und in der Frage, ob Menschen hier ohne Angst sichtbar sein können.

Für einen Nachmittag war Mellerud ein Ort, an dem diese Möglichkeit ganz praktisch spürbar wurde. Menschen gingen zusammen durch den Ort, riefen nach Liebe und Freiheit, klatschten, lachten und nahmen Raum ein.

Und ja: Es war endlich mal etwas los.

Aber es war nicht einfach irgendein Ereignis. Es war eine Erinnerung daran, dass Sichtbarkeit zählt. Dass Liebe politisch sein kann. Dass Freiheit verteidigt werden muss. Und dass wir gemeinsam weitergehen – für uns selbst, füreinander und für jene, die nicht mehr mitgehen können.