Dalslands Studio Blog

Ramsvig, der Sotekanal und die Erinnerung

Nach dem Besuch bei der Versicherung in Trollhättan machte ich mich auf den Weg an die Küste nach Ramsvik in Bohuslän. Dort hatte ich vor Jahren mit meinem Gefährten Hajo einen schönen Urlaub verbracht. Ich wanderte die Wege, die wir damals gegangen waren, und wurde von Erinnerungen an diese vergangene Zeit übermannt. Ich verbrachte die Nacht im VW-Multivan und machte mich nach dem Frühstück in der strahlenden Sonne auf den Heimweg. An der Drehbrücke am Sotekanal, kurz hinter Ramsvik, machte ich Rast und schaute dem Schauspiel zu: Wie sich die Brücke zur Seite drehte, wie die Segelboote mit ihren hohen Masten sich durch den engen Kanal zwängten und wie sich die Brücke wieder schloss. Dann erregte eine Informationstafel meine Aufmerksamkeit, auf der die Geschichte des Sotekanal beschrieben wurde.

Der Sotekanal ist ein technischer Eingriff in die Landschaft – und zugleich ein konzentrierter Spiegel dessen, wie in Schweden Geschichte, Arbeit und Natur erzählt wird.

Notizen am Kanalufer

Vor der Tafel der Vägverket (schwedische Straßenbaubehörde), irgendwo zwischen Sommerlicht, Wohnmobilparkplatz und Schärenwind, fällt zunächst der Ton auf. Es ist die vertraute Mischung aus Fortschrittsoptimismus, technischer Sachlichkeit und nostalgischer Illustration: Sprengladungen, Bagger, Vermessungstrupps, dazu Seevögel, Robben und Badeboote – alles fügt sich scheinbar bruchlos in die Erfolgsgeschichte von „Verkehrssicherheit“ und „Skyddad led“ (eine geschützte Verbindung) ein.

Dass Ramsvikslandet überhaupt zur Insel wurde, erfahren wir als Nebeneffekt der Rationalisierung des Schiffsverkehrs, als ob der Eingriff in Geologie und Ökologie damit automatisch gerechtfertigt wäre.

Arbeit, Krise, Beschäftigungsmaßnahme

Zwischen den Zeichnungen tauchen die Arbeiter auf: starrende Gesichter, Mützen, Mäntel, eine Körpergeschichte, die sich in wenigen Strichen andeutet. Die Tafel erwähnt die Sotekanalen‑Baustelle als „AK‑arbete“, als staatliche Notstandsmaßnahme während der Krise der Steinindustrie in den 1930er Jahren – Beschäftigungspolitik in Granit.
Was wie Fürsorge klingt, ist historisch auch Disziplinierung: Arbeitslose Steinmetze werden in ein Großprojekt eingespannt, das zugleich Landschaft, Eigentumsverhältnisse und Küstenökologie neu ordnet.

Die Erzählung der Tafel rahmt diese Geschichte der Krise um zu einer Geschichte heroischer Überwindung – 212 000 Tageswerke, gekrönt von der königlichen Einweihung 1935.

König, Kanal, Kustfolk

Natürlich fehlt der Monarch nicht: Kronprinz Gustaf Adolf eröffnet die neue Wasserstraße, die Zeitungszitate beschwören eine Klang‑ und Jubeltag für das „Bohusläns kustfolk“. Das „Küstenvolk“ erscheint als undifferenzierte Masse von Nutznießer:innen, deren Interessen mit denen des Staates zusammenfallen.

Unsichtbar bleiben die Konflikte, Enteignungen, Umweltwirkungen – und die Frage, wer sich die neue, „geschützte“ Route durch die Schären überhaupt leisten konnte.

Heute passieren nach Schätzungen rund 50 000 Boote jährlich die 4,8 km lange, 4,5 m tiefe und 15 m breite Passage; Freizeitmobilität schreibt die Geschichte der Arbeit fort, aber mit anderem Publikum.

Natur als Kulisse

Zwischen all der Technik sind Tiere eingezeichnet: Seehund, Seevögel, Fisch – sie wirken wie freundliche Piktogramme, die belegen sollen, dass die Natur sich mit dem Kanal arrangiert hat.

Tatsächlich benennt der Text ökologische Folgen nur am Rand, während die Karte Zonen, Wassertiefen und Brückenhöhen akribisch kartiert.

Es ist eine typisch moderne Blickordnung: Flora und Fauna werden zur Kulisse für Infrastruktur, der „steinreiche“ Küstenraum zur Ressource, die sich mit Sprengstoff und Planierraupe in Sicherheit, Wachstum und Urlaub verwandeln lässt.

Erinnerungspolitik am Informationsschild

Warum beschäftigt mich diese Tafel so sehr, dass sie im Newsletter landet?

Weil sie exemplarisch zeigt, wie Infrastruktur zu einem Erinnerungsmedium wird – und wie eng dabei technische Geschichte, soziale Unsichtbarkeiten und nationale Narrative verschränkt sind.

Auf wenigen Quadratmetern Holz und Druckfarbe wird ein ganzes Programm erzählt: der Staat als fürsorglicher Arbeitgeber, Technik als Zivilisation, Landschaft als formbare Bühne, Bevölkerung als dankbares Kollektiv.

Nicht erzählt werden Perspektiven derjenigen, deren Arbeitskraft verbraucht wurde, deren ökologische Lebensgrundlagen sich veränderten oder die gar keinen Zugang zu dieser Form von Mobilität hatten.

Wenn ich solche Tafeln lese, lese ich sie heute wie ein Archiv im Freien: als verdichtete Dokumente einer bestimmten Moderne, die glaubt, jede Untiefe mit Dynamit und Planung beheben zu können.

Im Dalslands Studio – an unserem eigenen, historisch aufgeladenen Wasserweg, dem Dalsland Kanal – interessiert mich, wie wir andere Tafeln entwerfen können: multiperspektivisch, konfliktsensibel, offen für Fragen statt fertige Antworten.

Vielleicht wäre ein zukünftiges Projekt, gemeinsam mit euch solche Gegentafeln zu entwerfen: für Kanäle, Fabriken, Heime, Kliniken – Orte, an denen sich technische Rationalität und verletzliche Biografien kreuzen.

Wäre für dich ein gemeinsamer Workshop zu „Infrastruktur lesen lernen“ – hier in Dalsland oder hybrid – interessant?

Schreib uns doch deine Meinung an info@dalslands-studio.eu