Am Samstag, den 22. August, waren wir bei GLUPSK på Dalsland in Fengersfors Bruk. Der Name ist im Schwedischen durchaus programmatisch: glupsk bedeutet etwa gefräßig, gierig oder genussfreudig. Gemeint ist hier aber keine Gedankenlosigkeit, sondern die Lust an gutem Essen, lokalen Produkten, Handwerk, Musik, Gesprächen und daran, einen Ort gemeinsam zu nutzen.

Fengersfors Bruk und Not Quite kennt ihr bereits aus früheren Newslettern. Der ehemalige Industrieort wurde nach dem Ende der Papierproduktion nicht einfach sich selbst überlassen. Seit den 2000er Jahren ist hier mit Not Quite ein Künstler*innen- und Kulturzentrum entstanden: Ateliers, Werkstätten, Ausstellungen, Konzerte, Gastronomie und gemeinschaftliche Projekte beleben die alten Fabrikgebäude. Es ist einer jener Orte in Dalsland, an denen industrielle Vergangenheit nicht museal erstarrt, sondern als räumliche und materielle Grundlage für neue Arbeit, Kunst und Öffentlichkeit weiterwirkt.

GLUPSK passte in diese Umgebung besonders gut. Zwischen den Gebäuden, in den Hallen und auf den Wegen des alten Bruks begegneten sich Menschen, die wegen des Essens, der Kunst, der Musik oder einfach wegen der Atmosphäre gekommen waren. Es gab gutes Essen, Marktstände, Gespräche, tolle Musik und eine spürbare Freude daran, dass ein Ort für einen Tag voller Menschen sein kann.

Ein Platz beim Ei-Öl

Für mich begann der Tag mit dem Mini-Workshop „Tempera aus Ei-Öl-Farbe“ zu dem ich mich angemeldet hatte. Es ging um Eiöltempera, eine traditionelle Farbe auf Grundlage von Ei und Lein-Öl, die als vergleichsweise umweltfreundlich und langlebig gilt. Der Titel klang zunächst sehr technisch. Aber gerade darin lag der Reiz. Farbe ist nicht einfach Farbe. Sie hat eine Temperatur, eine Konsistenz, eine Art, Licht zu reflektieren, sich mit dem Untergrund zu verbinden und mit der Zeit zu altern.

Bei Eiöltempera geht es nicht nur um ein historisches Material, sondern auch um eine andere Beziehung zu Oberflächen und Dingen: um Schichten, Geduld, handwerkliche Aufmerksamkeit und die Frage, wie man mit möglichst wenigen problematischen Stoffen arbeiten kann.

In einer Gegenwart, in der Farbe oft nur als fertig gekauftes Produkt erscheint, war es interessant, über ihre Zusammensetzung und ihre körperliche, sinnliche Seite nachzudenken. Die Farbe hat Gewicht, Geruch, Temperatur und Widerstand. Sie erinnert daran, dass auch nachhaltiges Gestalten nicht allein eine Frage von Etiketten ist, sondern von Wissen: Was verwende ich? Woher stammt es? Wie verhält es sich? Und wie lange hält es? Rechts seht ihr das Ergebnis meines Experimentieren mit Tempera-Farbe. Was haltet ihr davon?

Tissilawen: Klang aus der Sahara

Der musikalische Höhepunkt des Tages war für mich Tissilawen. Die Band aus Djanet im Südosten Algeriens spielte zum ersten Mal in Skandinavien. Djanet liegt am Fuß des Tassili-n’Ajjer-Gebirges mitten in der Sahara – einer kargen, geologisch und kulturell vielschichtigen Landschaft nahe der Grenze zu Libyen und Niger. Der Name Tissilawen verweist in der Sprache Tamasheq auf die Menschen beziehungsweise die Landschaften des Tassili.

Die Gruppe wurde 2008 von den Kindheitsfreunden und Gitarristen Bakrin Timlfati und Cheikh Taberni gegründet. Ihre wichtigste Inspiration ist Tinariwen, eine der international bekanntesten Tuareg-Gruppen und prägende Formation des sogenannten Desert Blues. Tissilawen entwickelt diese Tradition weiter: Gesang auf Tamasheq, mehrstimmige Passagen, tiefe Basslinien, perkussive Rhythmen und hypnotische Gitarrenriffs verbinden sich mit Einflüssen aus Rock, Blues und Reggae.

Desert Blues“ ist kein sehr präziser Begriff, aber er weist auf etwas Hörbares hin: auf Gitarrenmusik, die nicht einfach amerikanischen Blues in die Wüste verlegt, sondern aus Tuareg-Traditionen, nord- und westafrikanischen Rhythmen, elektrischer Gitarre und Erfahrungen von Mobilität, Verlust, Heimat und Gemeinschaft entsteht. Die Musik entwickelt oft eine kreisende, tranceartige Kraft. Sie drängt nicht hektisch voran, sondern baut ein rhythmisches Feld auf, in dem sich Stimmen und Gitarren immer wieder neu verschränken.

Tissilawen spielte zugleich rau und sehr kontrolliert. Die Gitarren konnten scharf und elektrisch aufblitzen, während der Gesang eher getragen blieb.

Besonders schön war, dass diese Musik nicht in einem abgeschlossenen Konzertsaal erklang, sondern mitten in einem Festival, das von Essen, Marktständen, Kindern, Gesprächen und dem Kommen und Gehen vieler Menschen geprägt war. Für eine Weile entstand zwischen den alten Fabrikgebäuden von Fengersfors und den Bildern der Sahara ein unerwarteter musikalischer Raum.

Flank & Klang und Dalslands Musik

Einen ganz anderen musikalischen Ton setzten Flank & Klang. Das Folk-Duo konzentriert sich auf traditionelle Musik aus Dalsland und bewegte sich tagsüber mit seinen Instrumenten über das Festivalgelände. Es war keine Aufführung mit klarer Grenze zwischen Bühne und Publikum, sondern Musik, die unvermutet in den Alltag des Festes hineinfiel: auf einem Weg, in der Nähe eines Standes oder dort, wo Menschen gerade miteinander standen.

Tom Cubbin spielt Nyckelharpa und Durspel, also ein diatonisches Knopfakkordeon; Alexander Rawlins spielt Violine und ergänzt die Melodien durch Zweitstimmen und dichte Harmonien.

Die Nyckelharpa wirkt für viele, die sie zum ersten Mal sehen, fast wie ein rätselhaftes Mischwesen aus Geige, Drehleier und mechanischem Instrument. Sie wird mit einem Bogen gespielt, besitzt aber Tasten, die die Saiten verkürzen; zusätzliche Resonanzsaiten geben ihr einen schimmernden, nachklingenden Klang. Das Durspel wiederum bringt Rhythmus, Luft und Tanzbewegung in die Musik.

Diese Instrumente wirken vielleicht auf den ersten Blick sonderbar. Aber gerade ihre Materialität macht sichtbar, dass Musik immer auch an bestimmte Hände, Körper, Bauweisen und Landschaften gebunden ist.

Tissilawen und Flank & Klang hätten kaum unterschiedlicher sein können: elektrische Gitarren, Bass und Wüstenblues auf der einen Seite; Nyckelharpa, Violine und regionale Tanzmusik auf der anderen. Und doch war gerade diese Nachbarschaft überzeugend. Beide Musikformen tragen Ortswissen in sich. Beide erzählen, ohne alles erklären zu müssen, von Landschaft, Wegen, Gemeinschaft und Erinnerung.

Not Quite als Möglichkeitsraum

Not Quite ist inzwischen für viele Menschen weit über Dalsland hinaus ein Begriff. Für mich bleibt der Ort dennoch jedes Mal bemerkenswert. Die alten Fabrikgebäude erinnern daran, dass Fengersfors einst durch Industrie geprägt war. Die heutige Nutzung zeigt, dass eine industrielle Vergangenheit nicht nur als Verlustgeschichte erzählt werden muss.

Das bedeutet nicht, dass Kunstzentren die wirtschaftliche Bedeutung früherer Fabriken einfach ersetzen können. Arbeitsplätze, Produktionswissen und die soziale Struktur eines Industrieortes lassen sich nicht ohne Weiteres durch Ateliers und Ausstellungen kompensieren. Aber Orte wie Not Quite schaffen etwas anderes: Sie halten Räume offen. Sie ermöglichen Begegnungen, Experimente, Handwerk, ästhetische Erfahrung und eine Öffentlichkeit, die nicht auf Konsum allein reduziert ist.

GLUPSK machte das an diesem Tag sehr konkret. Zwischen lokalem Essen und Kunsthandwerk, zwischen Eiöltempera und Musik aus Algerien, zwischen regionaler Volksmusik und vielen Gesprächen entstand ein Tag, der sich nicht auf ein einzelnes Thema festlegen ließ. Vielleicht war genau das seine Qualität.