Auf der Fahrt nach Bengtsfors erzählte mir einer meiner Mitsänger des Song-of-Joy-Chores eine Geschichte, die zunächst wie eine kleine lokale Anekdote klang. Wir waren unterwegs, um unser Konzertequipment für einen Auftritt im Folkets Park aufzubauen: Kabel, Lautsprecher, Ständer, die praktische Seite eines musikalischen Abends. Doch das Gespräch führte schnell zu einer anderen Art von Infrastruktur – zu Eisenbahnen, Uhren, Ortsnamen und der Frage, warum Dinge in der Moderne eindeutig sein müssen.

Es ging um einen Ortsteil von Dals Langed – Mustadfors, genauer gesagt um den älteren Namen des Orts: Katrineholm.
Heute verweist noch der Name Katrineholmshöljen für den See bei der Mustadfors-Schleuse auf diese frühere Bezeichnung. Dort, am Wasserlauf, entstand gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein kleiner Industriebetrieb, das Katrineholms bruk. Wie viele kleinere Eisenwerke in Dalsland stellte es seinen Betrieb Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Einige Jahrzehnte später erhielt der Ort jedoch eine neue industrielle Prägung: Das norwegische Unternehmen O. Mustad & Son übernahm 1898 die Anlage am Katrineholmsströmmen und errichtete dort eine Fabrik für Hufeisennägel.
Zwei Orte mit einem Namen
Die Geschichte, die mir erzählt wurde, lautete ungefähr so: Es habe in Schweden zwei Orte namens Katrineholm gegeben. Der kleinere Ort in Dalsland habe seinen Namen aufgeben müssen, weil der andere – das wachsende Eisenbahn- und Industriezentrum in Södermanland – bereits denselben Namen trug. Der Postverkehr sei dadurch kompliziert geworden.
Die Recherche bestätigt den Kern dieser Erzählung. Der Name Katrineholm wurde für den Ort in Dalsland zunehmend problematisch, weil es bereits den anderen, verkehrstechnisch immer wichtigeren Ort gleichen Namens gab. Die Webseite des Dalslands Kanal fasst den Anlass knapp zusammen: „Katrineholm gab es ja bereits, und das wurde ein wenig problematisch für die Post.“ Der Ort erhielt deshalb den Namen Mustadfors.
Als Schweden viele Zeiten hatte
Die Geschichte der Ortsnamen verweist auf eine weitere Veränderung des 19. Jahrhunderts: die Vereinheitlichung der Zeit.
Bevor sich die Eisenbahn in Schweden ausbreitete, richtete sich die Uhrzeit vielerorts nach dem Sonnenstand. Wenn die Sonne an ihrem höchsten Punkt stand, war es Mittag – aber nicht gleichzeitig in allen Städten. Zwischen Göteborg und Stockholm lagen etwa 24 Minuten Unterschied. Für eine Welt, in der Reisen mit Pferd, Wagen oder Schiff oft nach Tagen bemessen wurden, war dies kein grundlegendes Problem.
Die Eisenbahn verlangte jedoch nach einer anderen Ordnung. Fahrpläne mussten an vielen Orten zugleich funktionieren: Züge sollten fahren, kreuzen, warten und ankommen können, ohne dass jede Station ihre eigene Zeit zugrunde legte. Zunächst entstand eine gemeinsame Eisenbahnzeit. An manchen Bahnhöfen standen sogar Uhren mit zwei Minutenzeigern – einer für die lokale Sonnenzeit, einer für die Bahnzeit.
Am 1. Januar 1879 führte Schweden eine einheitliche Landeszeit ein. Der Reichstag hatte die Reform im Mai 1878 beschlossen. Gewählt wurde eine Zeit, die zwischen der bisherigen Ortszeit Stockholms und Göteborgs lag. Schweden war damit das erste Land, das eine gemeinsame Zeit für sein gesamtes Staatsgebiet einführte.
Eindeutigkeit und ihre Folgen
Mit Eisenbahn, Telegraphie, Post und modernen Verwaltungsformen wurde nicht nur Zeit vereinheitlicht. Auch Orte mussten in einem größeren Netz eindeutig identifizierbar sein. Ein Fahrplan, eine Adresse, ein Telegramm oder eine Warenlieferung können nur funktionieren, wenn klar ist, welcher Ort gemeint ist.
Die Umbenennung von Katrineholm in Mustadfors lässt sich als kleine Geschichte dieser Moderne lesen. Ein gewachsener lokaler Name traf auf Anforderungen, die über den Ort hinausreichten: Verwaltung, Verkehr, Post, Industrie und überregionale Kommunikation. Die moderne Ordnung benötigt Koordinaten, Register, eindeutige Adressen und standardisierte Zeiten.
Das ist bis heute so. Postleitzahlen, Gemeindenamen, Kartendaten, Datenbanken, Suchmaschinen, Navigationssysteme und Überwachungssysteme setzen voraus, dass ein Ort eindeutig auffindbar ist. Was im 19. Jahrhundert für Post und Eisenbahn wichtig wurde, begegnet uns heute als digitale Selbstverständlichkeit. Ein Formular akzeptiert keine Unschärfe; ein Navigationssystem will einen klaren Punkt auf der Karte; eine Datenbank verlangt einen eindeutigen Datensatz.
Aber Orte sind mehr als Datenpunkte und ihre Einträge in einem System. Sie haben Schichten: alte Namen, lokale Erzählungen, Erinnerungen, Gewässernamen und Spuren früherer Arbeit. Katrineholmshöljen erinnert daran, dass Mustadfors nicht mit der Umbenennung begann und dass eine Landschaft ihre Geschichte nicht so vollständig preisgibt wie eine Adresse in einer Datenbank.
Mustadfors nach der Fabrik
Der Name Mustadfors verweist, wie oben schon erwähnt, auf die Familie Mustad und auf die Hufeisennagelproduktion, die den Ort über mehr als ein Jahrhundert prägte. Die Fabrik war nicht nur ein Arbeitgeber, sondern ein zentraler Bezugspunkt für Dals Långed: für Arbeit, Wohnungsbau, Gewerbe, Alltagsrhythmen und die Identität eines ehemaligen Industrieortes.
Diese Epoche ist nun auch zu Ende gegangen. 2023 wurde bekannt gegeben, dass die Produktion von Hufeisennägeln aus Dals Långed nach Kolumbien verlagert wird. Als Gründe wurden sinkende Absatzmengen in Europa sowie eine wirtschaftlichere und stärker rationalisierte Produktion genannt. Von der Verlagerung waren 47 Beschäftigte betroffen; Vertrieb und Verkauf sollten zwar in Schweden verbleiben, die Produktion vor Ort jedoch nicht.
Damit ist in Dals Långed eine weitere Industrie weggebrochen. Gerade deshalb erhält der Ortsname eine fast widersprüchliche Bedeutung. Mustadfors trägt die Erinnerung an eine industrielle Welt weiter, während die konkrete Produktion, die diesem Namen über lange Zeit Gewicht gab, nicht mehr hier stattfindet.
Das bedeutet nicht, dass mit der Fabrik auch der Ort endet. Dals Långed hat andere Ressourcen und andere Formen kulturellen Lebens gefunden: Steneby, Kunst und Handwerk, Vereine, lokale Initiativen, das Folkets Hus, der Kanal, die Natur und die Menschen, die hier wohnen oder neu hinzukommen. Aber der Wegfall einer Industrie hinterlässt nicht nur wirtschaftliche, sondern auch symbolische Lücken. Wenn ein Werk schließt, verschwindet ein Teil der geteilten Zeit eines Ortes: Schichtwechsel, Wege zur Arbeit, Gespräche, Wissen über Maschinen und Materialien, Familiengeschichten.
Raum, Zeit und Wirklichkeit
Hajo hätte sich vermutlich nicht mit der Feststellung begnügt, dass Eisenbahn und Verwaltung Raum und Zeit vereinheitlichen mussten. Er hätte gefragt, was eigentlich geschieht, wenn wir Raum, Zeit und Orte auf eindeutige Zeichen reduzieren: auf Uhrzeiten, Kartenpunkte, Namen, Adressen und Datenfelder.
In seinen Überlegungen zu Körper, Geist und Welt beschreibt Hajo Raum und Zeit nicht als bloße neutrale Behälter, in denen sich Dinge abspielen. Sie stehen vielmehr in einem Verhältnis zu Wahrnehmung, Körper, Sprache, Materie und Energie. Für ihn ist Zeit auch die Zeit, die nötig ist, damit ein Moment wirklich werden kann – damit etwas erlebt, erinnert und als Zusammenhang erfahren wird.
Das passt vielleicht zu der Geschichte von Katrineholm und Mustadfors. Die einheitliche Zeit der Eisenbahn machte Fahrpläne möglich. Der eindeutige Ortsname machte Post und Verwaltung zuverlässiger. Beides war notwendig und praktisch. Aber die gelebte Wirklichkeit eines Ortes bleibt mehrdeutiger: Sie besteht nicht nur aus einer Koordinate auf der Karte, sondern aus Wasser, Arbeit, Namen, Verlusten, Stimmen und Erinnerungen.
Hajo schrieb, dass Sprache und Symbole nicht einfach nur auf etwas Vorhandenes verweisen, sondern Wirklichkeit strukturieren und Gegenstände erst aus einer bestimmten Perspektive entstehen lassen. Ein Ortsname ist in diesem Sinn nicht nur ein Etikett. Er verbindet Menschen mit einer Geschichte – und setzt zugleich fest, welche Geschichte im Vordergrund steht.
Die Ortsnamen Katrineholm und Mustadfors verweisen auf denselben Ort. Beide erinnern daran, dass Raum und Zeit nicht nur organisiert, sondern auch erzählt, erlebt und immer wieder neu verbunden werden.
