Hajo Seng Academy

Hintergrund & Beirat

Dr. Hajo Seng wurde am 31. Januar 1963 in Singen geboren und wuchs auf einem Weg auf, der ihn über eine Sonderschule zum Gymnasium und schließlich zum Studium der Mathematik, Astronomie und Geschichte der Naturwissenschaften führte. Seit seiner Kindheit erlebte er, was es bedeutet, anders zu denken, anders wahrzunehmen – und anders zu sein. Mitte der 1990er, im Alter von ca. 30 Jahre, vermutete er, dass er autistisch ist. Erst später erhielt er eine formale Diagnose.

Diese Erkenntnis war nicht Ende, sondern Anfang. Hajo Seng wurde zu einer der prägenden Stimmen der autistischen Selbsthilfebewegung im deutschsprachigen Raum. 2002 knüpfte er erste Verbindungen zu autistischen Communities, gründete 2003 in Hamburg eine frühe selbstorganisierte Selbsthilfegruppe und war 2005 an der Gründung von Aspies e.V. beteiligt. 2008/2009 initiierte er das autWorker-Projekt und begann seine wegweisenden Fähigkeiten-Workshops – ein Forschungsformat, das er im Rahmen seiner Promotion am Institut für Rehabilitationspädagogik wissenschaftlich vertiefte.

Hajo Sengs Werk steht für einen Paradigmenwechsel: weg von der Defizitorientierung hin zur Anerkennung autistischen Erlebens als eigene Form des Menschseins – mit spezifischen Stärken, Denkstilen und Wahrnehmungsweisen, die sichtbar gemacht und gestärkt werden müssen. Seine Forschung verband systematische lebensweltliche Perspektiven mit Neurobiologie und Neuropsychologie und schuf damit eine Grundlage für eine Autismuspädagogik, die von innen heraus denkt.

Gemeinsam mit seinem Lebenspartner Andreas Hieronymus gründete Hajo Seng das Dalslands Studio in Dals Långed, Westschweden – einen Seminar- und Rückzugsort am Wasser, der Neurodiversität, kritisches Denken und Begegnung in einer naturnahen Umgebung verbindet. Am 14. Mai 2025 verstarb Hajo Seng nach drei Jahren schwerer Krankheit.


Die Hajo Seng Academy wurde von Andreas Hieronymus gegründet – zum ersten Jahrestag von Hajos Tod und als konkrete Weiterführung seines Denkens und Wirkens. Sie ist kein Denkmal, sondern ein aktiver Lernort: inklusiv, ressourcenorientiert, auf Augenhöhe.

Im Mittelpunkt stehen die Grundüberzeugungen, für die Hajo Seng ein Leben lang einstand:

  • Autismus als Normvariante des Menschseins – nicht Defizit, sondern Andersartigkeit mit eigener Würde
  • Autistische Fähigkeiten bewusst machen – Denkstile, Wahrnehmungsweisen und Stärken als Ressourcen verstehen und nutzen
  • Selbstbestimmung und soziale Teilhabe – in Bildung, Beruf und Alltag
  • Peer-Arbeit und Gemeinschaft – autistische Menschen begleiten und befähigen sich gegenseitig

Die Akademie kooperiert mit erfahrenen Fachleuten aus der autistischen Selbsthilfebewegung – darunter autSocial (Hamburg) und die ZAK PEER-Academy (Hannover) – und baut inhaltlich auf dem Konzept der Fähigkeiten-Workshops auf, das Hajo Seng ab 2009 entwickelt und erforscht hat.


Das Dalslands Studio ist mehr als ein Veranstaltungsort. Es ist das konkrete Ergebnis einer gemeinsamen Lebensidee: ein Ort, an dem Innehalten, Nachdenken und Begegnung möglich sind – abseits von Lärm und Hast, direkt an der schwedischen Natur, mit Raum für Rückzug ebenso wie für Austausch.

Die Hajo Seng Academy trägt diesen Geist weiter: als Ort des Lernens, des Empowerments und der ehrlichen Begegnung – in Hajos Sinne und für alle, die seinen Weg fortschreiben möchten.

Der Beirat der Hajo Seng Academy ergänzt die bestehenden Hintergrundinformationen, indem er die Verbindung zwischen Hajos Denken, der Praxis im Dalslands Studio und verschiedenen Lebenswelten autistischer Menschen sichert.

Um die Academy als lebendigen, sich weiterentwickelnden Lernort zu gestalten, wird ein kleiner, arbeitsfähiger Beirat eingerichtet. Er berät die Leitung der Academy bei Grundsatzfragen, reflektiert Programm und Arbeitsweise aus unterschiedlichen Perspektiven und stärkt die Vernetzung mit Selbstvertretung, Wissenschaft, Praxis und Familien.

Der Beirat arbeitet unabhängig und kritisch-konstruktiv. Er achtet darauf, dass die Grundgedanken Hajo Sengs – Autismus als Normvariante, Ressourcenorientierung, Peer-Arbeit und lebensweltliche Forschung – im Alltag der Academy sichtbar bleiben und weiterentwickelt werden.

  • Beratung bei der inhaltlichen Ausrichtung von Seminaren, Workshops und Retreats
  • Rückkopplung aus Sicht von Selbstvertretung, Wissenschaft, Praxis und Angehörigen
  • Unterstützung bei Kooperationen mit Organisationen, Projekten und Forschungseinrichtungen
  • Mitwirkung an Qualitätsentwicklung und ethischen Leitlinien der Academy

Die konkrete Programmgestaltung bleibt bei der Academy-Leitung; der Beirat hat Empfehlungsfunktion und arbeitet im Dialog.

Der Beirat soll bewusst unterschiedliche Perspektiven auf Autismus zusammenbringen und trotzdem überschaubar bleiben (etwa 5–7 Personen). Vorgesehen sind unter anderem:

  • autistische Forscher*innen und Menschen aus der Selbstvertretung
  • Vertreter*innen aus selbstorganisierten Autismus-Communities
  • Fachleute aus Bildung und Berufsbildung mit Autismus-Schwerpunkt
  • Eltern- und Familienperspektiven
  • Menschen aus Eingliederungshilfe, Beratung oder Teilhabepolitik
  • künstlerische und kulturbezogene Stimmen, die mit Hajos Denkstil-Arbeit in Resonanz stehen

Ein Teil der Mitglieder wird im deutschsprachigen Kontext verankert sein, andere bringen internationale Erfahrungen und Netzwerke ein. Treffen können im Dalslands Studio und online stattfinden, abgestimmt auf Bedürfnisse und Barrierefreiheit der Beteiligten.

Mit diesem Beirat wird die Hajo Seng Academy bewusst bottom-up weitergedacht: Menschen aus der autistischen Bewegung, aus Praxis und Forschung gestalten mit. So bleibt die Academy kein statisches „Denkmal“, sondern ein Ort, an dem Hajos Ideen weiter ausprobiert, hinterfragt und gemeinsam weiterentwickelt werden können.


Die Academy ist ein Projekt des Dalslands Studio, gegründet und geleitet von Dr. Andreas Hieronymus, Fabriksvägen 7, 66695 Dals Långed, Schweden. Kontakt: office@dalslands-studio.eu

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